Ethecon Preis 2012 – Laudatio für Jean Ziegler

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Jun 062013
 

Laudatio für Prof. Dr. Jean Ziegler

Anlässlich der Verleihung des „Blue Planet Award“ der ethecon-Stiftung.

Hinweis: Aus Zeitnot wurden an der einen oder anderen Stelle längere Passagen weggelassen bzw. nur zusammenfassend vorgetragen. Daher sind die hier schriftlich vorliegende und die gehaltene Rede nicht völlig identisch. Der Wortlaut ist über das Internet auf Youtube abrufbar.

Hier der vollständige Text

 Der Lebensretter

Laudator Hans See, Ungekürzter Text der Rede, gekürzt gehalten am 17.November 2012 in Berlin im Beisein des Preisträgers

Lieber Jean Ziegler. Sehr geehrte Gäste, liebe Freunde und Freundinnen von Jean Ziegler! Liebe ethecon-Stifter!

Angekündigt wurde, dass ich für Jean Ziegler eine Laudatio, zu deutsch, eine Lobrede, halte. Doch Lobreden gehören nicht zu meinen Stärken. Ein weit besseres Verhältnis habe ich – wie mein verehrter Freund Jean Ziegler auch – zur Kritik. Dennoch freut es mich, zur Verleihung des ethecon-Ehrenpreises öffentlich – dazu noch in seinem Beisein – über ihn und für ihn eine kleine Rede halten zu dürfen. Natürlich kritisch-solidarisch. Ich möchte gern sein Denken und Handeln, seine Theorie und Praxis sowie seine gesellschaftspolitische Bedeutung in der mir zur Verfügung stehenden halben Stunde einigermaßen angemessen würdigen. Das ist mein Vorsatz. Ob es mir in dieser knappen Zeit gelingt, wage ich zu bezweifeln. Aber ich will es versuchen.

Ich habe diese Rede mit der Überschrift „Der Lebensretter“ versehen. Wer sich mit Zieglers Leben und Arbeit der vergangenen vier Jahrzehnte befasst, wird verstehen, weshalb ich glaube, mit dem Begriff „Lebensretter“ den durchgehenden – sagen wir „roten“ – Faden sichtbar, vielleicht sogar greifbar machen zu können, der sein Ganzes Werk durchzieht. Wissenschaft braucht Begriffe, die zum Begreifen geeignet sind. Und sie braucht die für die Analyse ihres Materials richtige Methode. Daher versuche ich es anlässlich dieser Rede mit einer Kombination von Zieglers und meinen eigenen Begriffen und der exemplarischen Methode, die Ziegler so bewundernswert beherrscht. Ihm gelingt es immer, neben der Fülle des trockenen statistischen Materials Beispiele zu bringen, die den Vorgang des Begreifens erleichtern und die Einblicke in die ihm wichtigen Strukturen nicht durch Personalisierung, auf die er nicht Verzichten kann und will, zu gefährden.

Er verfolgt aber mit seinen Beispielen erkennbar noch ein anderes Ziel, also nicht nur die Reduktion der Überfülle des Stoffes, den er uns vermitteln möchte. Er verflüssigt uns mit klug ausgewählten Beispielen und erklärenden Exkursen das harte statistische Material und erleichtert uns das Schlucken der bitteren Wahrheiten, die er uns in der Absicht, lieb gewordene Vorurteile aufzugeben, in manchmal schwer verträglichen Dosierungen zu verabreichen. Er sagt: Der Mensch ist des Menschen Medizin. Ich muss die Stoffmenge und die Beispiele geradezu homöopathisch verdünnen. Leider kann ich nur einige wenige exemplarische, aus meiner Sicht wichtige, Problemfelder seines revolutionären Projekts beleuchten. Ich werde daher vor allem auf Probleme verweisen, die in den meisten Würdigungen seiner Bücher unterbelichtet oder gänzlich unbeachtet bleiben. Dass diejenigen, die hierher gekommen sind und Jean Ziegler, vielleicht auch mich, kennen, nicht viel Wert auf die bei vielen Preisverleihungen übliche Lobhudelei legen, unterstelle ich und gehe davon aus, dass ich hier Substantielles über diesen ungewöhnlichen Menschen und sein ungewöhnliches Werk zu Gehör bringen soll. Packen wir’s an!

1. Der Wissenschaftler und die Wissenschaft

Schon oft wurde mir die Frage gestellt: Warum tut sich dieser Mann das an? Das fragen meist Menschen, die sich bewusst sind, wozu es führen kann, sich mit den mächtigsten Kapitaleignern, Managern und deren Söldnern in Volksparteien, Parlamenten, Staatsbürokratien und kommerzialisierten Wissenschaftsbetrieben anzulegen. Genau weiß ich es auch nicht, was ihn bewegt, aber ich habe Hinweise, die wenig bekannt und hoch interessant sind.

Werfen wir zunächst einen Blick auf den Wissenschaftler Jean Ziegler und die Wissenschaft. Die Wissenschaft hängt heute, wie jeder weiß, mehr denn je am Tropf der Wirtschaft. Damit sie dennoch ernst genommen wird, muss sie die Lüge verbreiten, sie sei wertneutral. Da kommt der Sozialwissenschaftler Jean Ziegler daher und ergreift einseitig Partei. Das wäre noch kein Problem, wenn er Partei für die „neuen Herrscher der Welt“ ergreifen würde. Aber für deren Opfer, die Unterworfenen, Fremdbestimmten, Besiegten einer Wirtschaft Partei zu ergreifen, die – wenn es um des Profits willen sein muss – vor keinem Verbrechen zurückschreckt, das kann keine seriöse Wissenschaft sein. Schon gar nicht, wenn in diesen Werken von „Bankenbanditismus“ und von „Halunken“, statt von „Unregelmäßigkeiten im Bankenwesen“ und von „Sündern“ gesprochen wird. Bei uns gibt es – wie Sie vielleicht schon selbst bemerkt haben – keine Steuerkriminellen, sondern nur Steuersünder.

Aber Zieglers Kritik ginge vielleicht noch durch, wenn sie – wie viele andere, die Partei für die Armen, die Hungernden im eigenen Land und anderswo ergreifen – in der Form der umfangreichen, geradezu sintflutartigen Armutsforschung daherkäme. Denn über anerkannte sozialpolitische Argumentationshilfen oder über karitativ-moralische Absichtserklärungen gehen diese Studien selten hinaus. Zieglers Wissenschaft erinnert dagegen an den ja auch mit statistischen Daten angereicherten „Hessischen Landboten“, der bekanntlich überschrieben ist: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Oder an das „Manifest der Kommunistischen Partei“, das Zieglers sicher mit dem Aufruf enden lassen würde: Besiegte aller Länder, vereinigt Euch! Zieglers Bücher erinnern an diese großen Beispiele revolutionärer Literatur. Nicht nur, weil auch sie sprachliche Meisterwerke sind. Sondern weil es ihm um den „Sieg der Besiegten“, wie der Titel eines seiner spannendsten Bücher lautet, geht. Die Besiegten dazu zu ermutigen, ihre Ausbeuter zu entmachten, ihnen argumentative Waffen zu liefern, die ihnen zu einem nachhaltigen Sieg, einem wirklichen Befreiungsschlag verhelfen könnten, dass geht denen doch zu weit, die für Ausbeuter in Staatsapparaten und Cheftagen der Konzerne gegen horrende Honorare wertfreie – ich sage wertlose – Gutachten erstellen.

Wir wissen, dass diese Gutachten schon von der Wirklichkeit widerlegt sind, bevor sie der Öffentlichkeit bekannt werden. Ich frage: Ist das Wissenschaft? Um den Besiegten zu zeigen, dass sie sich von Niederlagen, die ihnen die gut bezahlten Gegenaufklärer zufügen, nicht entmutigen zu lassen brauchen, greift Ziegler immer wieder auf die historischen Erfahrungen der großen bürgerlichen Revolutionen zurück. Er zitiert gern Gracchus Babeuf. Hier ein Beispiel aus einem Schreiben, das Babeuf 1791 verfasste: „Der Kampf um Gleichheit und Eigentum muss endlich beginnen. Das Volk muss alle die seit langer Zeit bestehenden Institutionen umstürzen. Im Krieg der Reichen gegen die Armen war bisher alle Verwegenheit auf der einen und alle Feigheit auf der anderen Seite. Das soll nun anders werden, ja, ich wiederhole es, alle Übel haben ihren Gipfel erreicht, sie können schlimmer nicht werden. Sie können nur durch einen vollständigen Umsturz beseitigt werden. Fassen wir das Ziel der Gerechtigkeit ins Auge und gehen wir daran, nach 1000 Jahren diese barbarischen Gesetze zu ändern.“ (In: Marx wir brauchen Dich, S.127)

2. Zieglers Kampf für den Sieg der Besiegten

Ziegler zeigt großen Mut, bewundernswerte Zivilcourage. Er setzte schon früh seine Existenz für die Freiheit des Wortes aufs Spiel. Und er hat nie aufgehört zu zeigen, dass Revolutionen möglich und notwendig sind, und dass Bürger- und Menschenrechte – trotz aller Niederlagen und reaktionärer Unterdrückung – durchsetzbar sind. Die Besiegten, und er meint nicht nur die Besiegten der Dritten Welt, die in der heutigen rechten Jugendsprache Loser heißen (ein fürchterlicher Ausdruck), sind für Ziegler Hoffnungsträger. In ihren Befreiungskämpfen, ihrer Emanzipation, ihren möglichen Siegen, die natürlich nur mit Unterstützung aller progressiven Kräfte entwickelter Gesellschaften möglich sind, sieht er die bessere Zukunft, die andere Welt, die möglich ist. Alles, was Ziegler erforscht, was er lehrt, wofür er kämpft, steht im Dienst dieses einen großen Ziels: des Siegs der Besiegten.

Deshalb muss zuerst ihr schlimmster Feind, der Hunger, besiegt werden. Für den notwendigen Sieg über den Hunger kämpft er besonders entschieden. Er entwirft eine Welt ohne Hunger. Darin ist er ein großer Visionär. Und wir wissen, was Altkanzler Helmut Schmidt – als er noch relativ jung war – über Menschen mit Visionen sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Der Witz eines rechten Sozialdemokraten, der aus meiner Sicht alle Opfer, die die SPD in ihrer langen Geschichte im Kampf um demokratische Rechte für Arbeiter und Arbeiterinnen brachte, schamlos denunziert. Jean Ziegler dagegen versucht das Leben von Menschen zu retten, die in Gefahr sind, an Hunger zu sterben, die ihre Visionen zu verlieren drohen, denen die rund um die Uhr laufenden Gehirnwaschmaschinen der Herrschenden den letzten Funken an Selbstachtung zu rauben versuchen.

Die sozial Schwachen, das sind nicht die Armen, das sind, was ich, wie ich zu meiner Schande gestehe, von dem Kabarettisten Hagen Rether lernen musste (worauf ich aber hätte selber kommen müssen), die Herrschaften in den Chefetagen. Es sind diejenigen, die die ohnehin schon ökonomisch Schwachen hemmungslos ausplündern, bewusst Entscheidungen treffen, die selbst in den reichsten Ländern der Erde zu immer mehr Armut und Elend, in Drittweltländern aber zu Hungerkrankheiten und Hungertoten führen. Diese sozial schwachen Herrschaften wissen, was sie tun. Sie handeln – darauf weist Ziegler unablässig hin – nicht nur gewissenlos, sondern auch gegen geltende Gesetze. Gewissenlos missbrauchen sie ihre Macht und das Recht. Sie benutzen diese Macht, um von den mit Abwanderungsdrohungen erpressten Politikern angebliche Investitionshemmnisse beiseite räumen zu lassen. Das sind vor allem die schwer erkämpften Sozial-, Arbeitsschutz- und Umweltschutzgesetze. Sie betreiben ihre sozialschädliche Gewinnmaximierung, wenn es ihnen nicht gelingt, sie legalisieren zu lassen, einfach an den Gesetzen, auch an Wirtschaftsstrafgesetzen vorbei. So entsteht ein Untergrundkapitalismus.

3. Über legale und kriminelle Ökonomie

Der Untergrundkapitalismus erfordert eine Aufstockung der marxistischen Kritik der politischen Ökonomie. Ich propagiere daher – gestützt auf Jean Ziegler – für deren Ergänzung durch eine Kritik der kriminellen Ökonomie. Der Einwand dagegen ist zunächst richtig, dass der Kapitalismus auch ohne Wirtschaftkriminelle eine Gefahr für Mensch und Natur, für Demokratie und Kultur ist. Aber diese Feststellung hilft in der politischen Praxis, zumal im Kampf um den Erhalt und die Weiterentwicklung von Rechten für die ökonomisch Schwachen, wenig. Ebenso wenig wie die unter Linken weit verbreitete, aber irrige Meinung, der ganze Kapitalismus sei kriminell. Er ist es nicht. Es sind die Reichen und die Einflussreichen, die den größten Einfluss darauf haben, was vom Gesetzgeber legalisiert und was kriminalisiert wird. Daher werden in jedem System nur sorgfältig ausgewählte Wirtschaftspraktiken kriminalisiert.

Anders als gewählte Politiker kann der mündige Bürger die Mächtigen der freien Wirtschaft nur mit Aussicht auf Erfolg bekämpfen, wenn er beweist, dass sie gegen eine der kriminalisierten Geschäftspraktiken, möglichst gegen Wirtschaftsstrafgesetze, verstoßen haben. Doch viele äußerst schädliche Wirtschaftspraktiken sind nach wie vor völlig legal. Von frei gewählten Volksvertretern legalisiert. Schädliche Wirtschaftspraktiken können erst mit Aussicht auf Erfolg bekämpft werden, wenn der Masse klar ist, dass mehr demokratische Kontrolle des Staates wenig bringt, so lange es keine demokratische Kontrolle der Wirtschaft gibt, so lange die Chefetagen der Konzerne demokratiefreie Zonen sind und vom Volk frei gewählte Parlamente sich darauf beschränken, das Wirtschaftsleben mit einen goldenen, soll heißen demokratisch legitimierten, aber jederzeit straflos überschreitbaren Rahmen zu verzieren.

Bei keinem der namhaften wirtschaftskritischen Autoren wird – wenn es überhaupt geschieht – deutlicher herausgearbeitet als bei Jean Ziegler, dass die Mächtigen der Wirtschaft nicht nur ihre moralische, sondern auch ihre rechtliche Legitimation längst verspielt haben. Indem sachkundige Widersacher – wie er – den privaten Unternehmen und Unternehmern nachweisen, dass sie um der Maximierung ihrer Profite willen vor keinen Gesetzesverstößen und Menschenrechtsverletzungen, vor keinem Verbrechen zurückschrecken, wachsen die Chancen der Besiegten, nicht mehr nur moralische, sondern auch handfeste juristische Siege davonzutragen. Um in dieser rechtsstaatlichen Richtung voranzukommen, müssen die kapitalismuskritische und die antikapitalistische Öffentlichkeit auch Staatsanwaltschaften und Gerichte anprangern, die Wirtschaftsverbrechen, auch schwerste, wie Kavaliersdelikte abhaken. Noch stehen die meisten der ohnedies zu wenigen Wirtschaftsstraftäter am Ende eines Prozesses auf dem Siegertreppchen.

Auf der anderen Seite werden die von der Wirtschaft Betrogenen, existentiell vernichteten, von Gerichten oft noch einmal gedemütigt. Das heißt, der Sieg der Besiegten liegt selbst dort, wo Rechtsstaatlichkeit groß geschrieben wird, noch in weiter Ferne. Ziegler erhofft sich ihren Sieg, ist aber Realist genug, nicht den Propheten zu spielen, der ihnen ihren Sieg verspricht. Sie müssen kämpfen. Ja er gesteht, dass niemand den Ausgang dieser Kämpfe voraussagen kann, dass es am Ende die Geschichte richten wird. Dass alles Künftige völlig ungewiss ist, lässt ihm die menschliche Existenz absurd erscheinen. Und dass wir leben, um zu sterben, findet er empörend. Aber das Recht auf den Kampf um ein menschenwürdiges Leben, um Demokratie, das heißt Kontrolle der Mächtigen durch die Bevölkerungen, ist für ihn nicht verhandelbar.

4. Wie dem Leben Sinn geben?

Ziegler lässt uns in der aktualisierten Einleitung seines vor 24 Jahren erstmals erschienen Buches „Die Lebenden und der Tod“ wissen, dass er das Buch aus Angst vor dem eigenen Tod verfasst habe. Und, dass er die Angst vor diesem unvorstellbaren eigenen, persönlichen Tod nach dieser langen Zeit noch immer nicht verloren habe. Wörtlich: „Um die Angst vor dem eigenen Tod wenigstens teilweise zu mindern, gibt es nur einen Weg, den ich mühsam zu beschreiten versuche: „Jeden Tag, durch Gedanken, Taten und Träume – so viel Glück für sich und die anderen, so viel Sinn zu erschaffen, dass, am Ende des Lebens, dieses Leben seiner eigenen Negation so viel Sinn wie möglich entgegenzusetzen vermag.“ Und weiter: „Dieses durchaus rationale Unternehmen der Sinngebung wird begleitet von wiederkehrende Intuitionen. Vernunft allein bestimmt nicht die Perzeption des eigenen Lebens. In seltenen, aber doch wiederkehrenden Momenten spüre ich, dass in mir eine Unendlichkeit, eine Kraft wohnt, die man Liebe nennen könnte.“(Die Lebenden, S.12)

Es ist nach Zieglers Überzeugung allein das Bewusstsein der Identität aller Menschen, das den Einzelnen zu Liebe, Mitleid und Solidarität befähigt. Auf Kosten anderer zu leben, was viele tun und wovon noch mehr träumen, versperrt aus seiner Sicht – so paradox das auch klingen mag – den Zugang zum Leben. Daraus zieht er für sich die radikale Konsequenz: „Jeder ist verantwortlich vor allen für alles.“ Dann folgt ein Satz, der mich dazu reizt, die ganze morgen- und abendländische Kultur und Geschichte mit ihm durchzudeklinieren. Er sagt nämlich: „Der Mensch ist, was er tut.“ Ich deute nur kurz an, dass die Mythen der monotheistischen Religionen uns sagen: Am Anfang war das Wort. Gesprochen wurde dieses Wort von Gott, der keinen Anfang und kein Ende haben kann, weil er sonst nicht der ewige Gott wäre. Dieses Wort Gottes, aufgefasst als der geistige Ursprung allen irdischen Seins, ist bis heute das Fundament des monotheistischen Idealismus.

Doch schon Goethe, der uns in den Schulen zwar auch noch als Idealist vermittelt wird, aber schon ein aufgeklärter Materialist war, lässt seinen Faust, als der in eine Glaubenskrise gerät, sagen: „Am Anfang war die Tat“. Eine Generation später sagt der junge Marx in seiner 11. Feuerbachthese gegen den interpretierenden Materialismus Feuerbachs: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“  Wenn nun Ziegler sagt: „Der Mensch ist, was er tut“, sagt er nichts Anderes als das, was Marx mit seinen 11. Thesen zu Feuerbach schon im Jahre 1845, als er seine Theorie des dialektischen Materialismus noch nicht ausformuliert und – außer ein paar Aufsätzen von Engels über die Nationalwirtschaft – noch so gut wie nichts von einer Kritik der politischen Ökonomie gehört hatte.

5. Was isst und was ist der Mensch?

Ziegler kann über die Veränderung der Welt mit weit größerer historischer Erfahrung sprechen als Marx. Auch mit einem weit umfassenderen historischen Bewusstsein. Allein schon deshalb, weil er Marx und die von seinen Ideen inspirierte Arbeiterbewegung sowie deren Geschichte kennt. Und weil er ein einmaliges eigenes Erfahrungswissen und ein Bewusstsein über die Welt hat, das Marx – trotz seiner unglaublichen Bildung und prognostischen Fähigkeiten – noch nicht haben konnte. Vor diesem Hintergrund habe ich mich gefragt, warum Jean Ziegler, in dessen Büchern doch von Anfang an neben dem Tod als existenzialistischer Herausforderung der Lebenden der Hunger in der Welt eine Schlüsselrolle spielt, nicht noch einen Schritt weiter ging und sich dem provokativen Statement Ludwig Feuerbachs anschloss, der sagte: „Der Mensch ist, was er isst?“

Hätte diese von Feuerbach aufgestellte These Zieglers Lebensthema nicht besser entsprochen? Ich zitiere Feuerbach, ganz im Sinne Zieglers, etwas ausführlicher. Der schrieb: „Wir sehen zugleich …., von welcher wichtigen ethischen sowohl als politischen Bedeutung die Lehre von den Nahrungsmitteln für das Volk ist. Die Speisen werden zu Blut, das Blut zu Herz und Hirn, zu Gedanken und Gesinnungsstoff. Menschliche Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung. Wollt ihr das Volk bessern, so gebt ihm statt Deklamationen gegen die Sünde bessere Speisen. Der Mensch ist, was er isst.“ Eine wunderbare Erklärung dafür, wie aus Nahrung Bildung und Gesinnung wird. „Die Speisen werden zu Blut, das Blut zu Herz und Hirn, zu Gedanken und Gesinnungsstoff. Menschliche Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung.“ (siehe dazu: Hans Werner Ingensiep, Natur und Kultur der Ernährung aus anthropologischer Sicht, auffindbar im Internet)

Diese These Feuerbachs könnte man sich, wenn man Zieglers, Reden und Schriften kennt, sehr gut als deren Leitmotiv vorstellen. Der Satz: „Der Mensch ist, was er isst“, ist das Bild für den Brückenschlag zwischen Materie und Geist, dem zentralen Thema der praktisch-politischen und geistigen Arbeit Zieglers. Ein solcher Satz ist, wie wir heute, und wie wir vor allem von Jean Ziegler wissen, schon lange nicht mehr der vulgärmaterialistische Satz, für den er vor allem von unseren idealistischen Philosophen immer noch gehalten wird. Im Kampf um ein menschenwürdiges Leben, das mit einer gesunden Ernährung beginnt, kann man nach Zieglers Erfahrung zwar nicht die Todesangst, aber den Tod besiegen. Schon in seinem Buch „Die Lebenden und der Tod“, also 1975, ist dies der zentrale Gedanke, den ich hier noch einmal wiederhole. „Jeden Tag – durch Gedanken, Taten und Träume – so viel Glück für sich und die anderen, so viel Sinn zu erschaffen, das am Ende des Lebens, dieses Leben seiner eigenen Negation so viel Sinn wie möglich entgegenzusetzen vermag.“

Dazu muss der Mensch aber genug zu essen haben. Dafür kämpft Ziegler, seit er sein Schlüsselerlebnis im Kongo hatte. Aber so rational Zieglers Konzept ist, durch Gedanken, Taten und Träumen dem Leben Sinn zu geben, etwas zu leisten, was über den sicheren Tod hinaus weiterwirkt, entdeckt er in sich, „in seltenen, aber immer wiederkehrenden Momenten“, wie er schreibt, „ein Gefühl von Unendlichkeit, eine Kraft, die er auch Liebe nennen könnte“. Das aber heißt für ihn auch: „Auf Kosten anderer zu leben, in Konkurrenzneid, Profitgier, Verachtung und Indifferenz – versperrt den Zugang zum Leben.“ (Die Lebenden S.12) Ich füge hinzu, auch jenen, die sich immer allzu satt essen, ja überfressen und – selbstverschuldet – an Fettleibigkeit leiden.

Dennoch sagt Ziegler nicht, dass der Mensch ist, was er isst, sondern er sagt; „Der Mensch ist, was er tut.“ Danach beurteilt er auch andere. So beobachtete er den Siegeszug der in Drittweltländern entstehenden neuen Gesellschaften während der Entkolonialisierungsprozesses. Für ihn stand dabei der Widerstand der Befreiungsbewegungen gegen die Zerstörung ihrer Kultur im Mittelpunkt. Die Menschen verteidigen ihre Kultur vor einer Theorie und Praxis, die untrennbar mit unserem klassischen Begriff der Aufklärung zusammenhängt. Der Widerstand dieser armen, ausgeplünderten, von Hungerkrankheiten geplagten Menschen ist gegen die bürgerliche Aufklärung gerichtet, folgt also nicht einfach unserer abendländischen kapitalistischen Logik. Es entstehen im Kampf, oft erfüllt von großem Haß auf den Westen, neue Gesellschaften, neue Kulturen, die das Wertvolle der Vergangenheit bewahren und das neue vorsichtig integrieren. Nach der blutigen antiimperialistischen Entkolonialisierung der Nachkriegsperiode, im Jahre 1988, schrieb Ziegler: „Heute entstehen in der Dritten Welt neue, unvermutete und niemals zuvor erlebte Gesellschaften. Die Werte, die sie hervorbringen, der Sinn, den sie dem Dasein geben, eröffnen dem menschlichen Abenteuer neue Horizonte. Für uns Menschen des Westens bekommen diese Werte Dimensionen einer letzten Zuflucht und Rettung.“

Es ist faszinierend, wie Ziegler schon in jungen Jahren mit eigenen ethnologischen Studien in der so genannten Feldforschung in Afrika und Brasilien über archaische Stammesriten das Verhältnis anderer und alter Kulturen zum Sterben und zum Tod zu ergründen. Ich kann auf die Darstellung Zieglers dieser uns fremden Logik hier nicht eingehen, sondern nur sagen, dass er mit diesen Studien über das Verhältnis der Lebenden zum Tod eine begehbare Brücke schlägt zu unserem von kapitalistischen Verwertungsinteressen dominierten Totenkult, der den Tod in den raffiniertesten Variationen tabuisiert. Dieses Verwertungsinteresse hat den Tod in Krankenhäuser und Sterbekliniken ausgelagert und macht die Todesangst mit einer gigantischen Pharmaindustrie und einem – wie wir alle wissen, auch hochkriminell betriebenen – Organhandel zum großen Geschäft. Hier entdeckt Ziegler auch die Interessen der Shareholder, die zurückführen in die rassistisch motivierten Selektionsmechanismen, eines der Wesensmerkmale der faschistischen Euthanasie.

6. Die Grenzen der abendländisch geprägten Aufklärungen

Ziegler begreift tiefer als viele der heute wegen ihrer sozialwissenschaftlichen, wirtschaftswissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Kompetenz hoch angesehenen Politiker und akademischen Experten, dass weder die bürgerliche noch die sozialistische Aufklärung die Fragen, die der zeitgenössische Mensch an Staat, Gesellschaft, an sein eigenes Leben stellt, hinreichend beantworten. Er ist sich bewusst, dass Aufklärung nicht einfach eine Epoche, sondern ein ständiger historischer Prozess ist, der auch von fürchterlichen Irrtümern und Fehlentwicklungen gezeichnet ist, zum Beispiel menschliche Werte, Kulturen, Identitäten und höchste Rechtsgüter zerstört. Daher erforscht er archaische Stammesriten, in denen noch deutliche Relikte der Menschwerdung und des Menschseins aufbewahrt sind. Ihm dient dieses Wissen und dessen Vermittlung an uns, die wir uns selbst fremd sind, die Würde aller Menschen ernst zu nehmen, ihre Identitäten und ihre Würde zu achten, uns mitzuteilen, dass es nicht genügt, der Notwendigkeit der Aufklärung das Wort zu reden.

Ich lese Zieglers Botschaft so, dass man die Aufklärungen verstehen, vor allem die qualitativen Sprünge der Aufklärung berücksichtigen muss. Unsere abendländische Geschichte hat uns gelehrt, dass die bürgerlichen Aufklärungen und die bürgerlichen Revolutionen mit ihren Erfolgen und Niederlagen, Grenzverschiebungen, Bewusstseinserweiterungen und Tabus eigene Formen und Inhalte haben und nach der menschenverachtenden Verwertungslogik des Kapitals die sie eigentlich nur ergänzende, aber von ihr bekämpfte sozialistische Aufklärung hervorgebracht haben. Die sozialistische Aufklärung erzeugte revolutionäre und reformerische Kräfte, die durch ihre Ablehnung antibürgerlich wurde, werden musste, die aber neue emanzipatorische Wege für diejenigen eröffnete, deren Unmündigkeit nicht selbstverschuldet war.

Auch die antibürgerlichen Aufklärungskonzepte der klassischen Arbeiterbewegung haben sich als allzu begrenzt erwiesen, um dem universalen Anspruch des ursprünglichen bürgerlichen Aufklärungsideals, das – zusammen mit dem Freihandelsgeist der Handelskapitalisten – die Basis für den sozialistischen Internationalismus bildet, zu genügen. Sie haben ignoriert, dass es allgemeine Menschenrechte gibt, die durch keine staatlichen und sozialen Grenzen, durch keine Ausgrenzungen irgendwelcher Art oder Systeme eingeschränkt werden dürfen. Ich will das etwas konkreter an meinem Konzept einer notwendigen dritten Aufklärung darstellen. Sie ist in Jean Zieglers Systematik, die sich am Kampf gegen den Hunger orientiert, angelegt, aber nicht expressis verbis. Entscheidend ist für mich, dass er das Problem der kriminellen Ökonomie nicht ausblendet, sondern mit der notwendigen Penetranz immer wieder auf sie hinweist. Allein diese Tatsache genügt, dass ich hier uneingeschränkt sagen kann: Ich verdanke hauptsächlich Zieglers Deutung unserer heutigen globalen Kapitalverhältnisse und der aus diesen Verhältnissen erwachsenden individuellen und kollektiven Probleme dieses Planeten, dass ich über die Möglichkeiten, ja die dringende Notwendigkeit einer dritten großen Aufklärung nachzudenken begann.

7. Anmerkungen zu den drei Aufklärungen

Die erste Aufklärung, zu der unter dem Feudalismus das Besitz- und Bildungsbürgertum gegen Adel und Klerus aufrief, für die es die großen europäischen bürgerlichen Revolutionen gegen die absolutistischen Feudalherrn in Kirche und Staat wagte, überwand – trotz der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte – nur die „selbstverschuldete Unmündigkeit“. Hier haben von Kopernikus über Kolumbus, Luther und Calvin, Voltaire und Rousseau, hier haben der bürgerliche Aufklärer Kant und das revolutionäre Bürgertum gute Arbeit geleistet. Und Ziegler weiß diese Leistungen zu würdigen.

Hinter die von einem revolutionären Bürgertum erkämpften Fortschritte, vor allem hinter die Erklärung der Menschenrechte, dürfen zumindest wir Europäer nicht zurückfallen. Was uns da erwartet, hat uns der Faschismus gelehrt. Kant, Aufklärer im religiös gespaltenen und deshalb verspäteten Deutschland, Vertreter einer Religion der Vernunft, rief leider nur seine feigen Mitbürger, das Besitz- und Bildungsbürgertum, dazu auf, endlich das Wagnis selbständigen Denkens auf sich zu nehmen und sich auf ihre eigene Macht zu besinnen. Bei aller Radikalität (er distanzierte sich zum Beispiel nicht wie sein Verehrer, der Freiheitsdichter Friedrich Schiller, von den Jakobinern, als diese ihren König köpften) war Kant eben doch nur ein Bürger. Für ihn war wichtig, dass Kirche und Staat unter Kontrolle des Dritten Standes gebracht werden mussten, um ihre selbstverschuldete Unmündigkeit zu beenden und die Macht an sich zu reißen.

Erst im Zuge der Eroberung der Staatsgewalt durch das revolutionäre Bürgertum, wo immer auch diese Eroberung gelang, wurde klar, dass es neben der selbstverschuldeten auch eine fremdverschuldete Unmündigkeit gab. Sie war ein Erbe des überwundenen gottesstaatlichen Feudalismus und wurde von der Bourgeoisie nur scheinbar, nur formal mit der rechtlichen Umwandlung des Leibeigenen und Hörigen in den freien Lohnarbeiter überwunden. Faktisch war diese neue verfassungsrechtlich garantierte Freiheit der Besitzlosen (nämlich ihre Arbeitskraft an den meistbietenden Unternehmer verkaufen zu dürfen, falls Bedarf danach bestand) zur rechtlichen Grundlage der industriekapitalistischen Ausbeutung, der Ausbeutung der nunmehr sich selbst vermarktenden und gegeneinander konkurrierenden Arbeitskräfte geworden. Die daraus resultierende frühkapitalistische Verelendung vor Augen, begannen Teile des aufgeklärten Bürgertums, darunter auch der junge Marx und Engels, den politischen Kampf gegen diese fremdverschuldete Unmündigkeit des Proletariats.

Damit erreicht die zweite Aufklärung einen ersten Kulminationspunkt. Das Programm zum Kampf um die Emanzipation des damals so genannten Proletariats. Von der – auch juristisch abgesicherten – Entmündigung durch das Bürgertum betroffen waren die wirklichen und potentiellen Lohnarbeiter, das heißt diejenigen, die – weil sie über keine eigenen Produktionsmittel verfügten – zu abhängiger Arbeit gezwungen waren. Ihre objektive Rechtlosigkeit war eine Voraussetzung dafür, dass sie, soziologisch (anfangs vom Bürgertum als „vierter Stand“ bezeichnet) erst durch Marx sich als fremdbestimmte, ihren Eigeninteressen entfremdete Klasse begriff und begreifen konnten, dass sie sich organisierten und so gestärkt und selbstbewusst für ihre eigenen Rechte zu kämpfen vermochten.

Die organisierte Arbeiterbewegung wurde zum geschichtsmächtigen revolutionären Subjekt. Dieser politische Kampf (zuerst ums Wahlrecht, dann um soziale Rechte, schließlich um die Abschaffung des Kapitalismus ging) wurde überwiegend von revolutionären, sich dem Sozialismus zuwendenden Bildungsbürgern als emanzipatorischer Kampf gegen Entmündigung und Fremdbestimmung der Industriearbeiterschaft geführt. Im Kampf um die Emanzipation der Klasse der Lohnarbeiter fand Marx seine Lebensaufgabe. Was er, und was die den Widerstand gegen die Bourgeoisie weiterführenden, die Arbeiterbewegung organisierenden Denker, Gelehrten, Schriftsteller, führenden Köpfe und Aktivisten der Arbeiterparteien und Gewerkschaften auf den verschiedensten Feldern leisteten, nenne ich die zweite oder die sozialistisch-kommunistische Aufklärung.

Jean Ziegler knüpft sowohl theoretisch als auch praktisch an diese beiden Aufklärungen an, er treibt sie aber beide systematisch über sich selbst hinaus, indem er die Elenden, Ausgeplünderten, Verhungernden Asiens, Afrikas und Lateinamerikas konsequent in die Lösung der sozialen Frage einbezieht. Dieser wahrhaft weltbürgerliche, aus Sicht der europäischen Arbeiterbewegung internationalistische Ansatz, bleibt bei Ziegler nicht eine ethische Proklamation, sondern ist fester Bestandteil seiner politischen Praxis, seiner an der Basis gelebten und bis in die Gipfel der UNO hineingetragenen unbestechlichen Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Durch diese spezifische Form der Kritik machte er mir die Grenzen der beiden Aufklärungen bewusst und feuerte mich dazu an, nach den Möglichkeiten einer dritten Aufklärung systematisch zu forschen. Da ich keine Forschungsgelder erhielt, gründete ich die Bürger- und Menschenrechtsorganisation, die wenigstens eine schmale materielle Basis und mit der Vierteljahreszeitschrift BIG Business Crime auch ein Forum für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sozial- und Umweltschädlichkeit von Wirtschaftsverbrechen bot. Dazu gehören dann auch Bündnisse mit NGO wie die Coordination gegen Bayer Gefahren und die ethecon-Stiftung.

8. Der Kampf um die allgemeinen Menschenrechte

Indem Jean Ziegler die allgemeinen Menschenrechte in den Mittelpunkt rückt, das Leben jedes einzelnen Menschen für ihn wichtiger ist als sich auf Gedeih und Verderb einer Religion, einer Ideologie, einem System oder einer wissenschaftlichen Theorie zu verpflichten, verlieren in seiner Argumentation auch die Grenzen zwischen der ersten und zweiten Aufklärung an Bedeutung. Man weiß am Ende aber, dass die positiven Seiten beider, der bürgerlichen wie der marxistischen, nur in ihrem menschenrechtlichen Zusammenhang wirksam werden können. Und ebenso wichtig: Dass ihre historische Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann. Konkreter: Die bürgerlichen Aufklärungen mit ihren Revolutionen können – trotz ihrer schweren Mängel und Fehlentwicklungen – nicht mehr ohne Schäden für die Zivilgesellschaften, in denen sie stattgefunden haben und auf denen ihre Kultur beruht, rückgängig gemacht oder übersprungen werden.

So zwang die zweite Aufklärung die herrschenden Klassen der frühkapitalistischen Demokratien dazu, sich mit den sozialkapitalistischen Demokratien, die teils erst nach dem Ersten, überwiegend aber nach dem Zweiten Weltkrieg erkämpft wurden, abzufinden. Die Sozialstaaten sind, und hier teile ich eine wichtige Feststellung meines Lehrers Wolfgang Abendroth, das Ergebnis eines Klassenkompromisses, eine Art Waffenruhe. Aber das durch diesen Kompromiss entstandene Modell des demokratischen Sozialstaats wurde im Kalten Krieg zu einer eigenen, mit Anspruch auf Weltgeltung auftretenden, man darf sagen, imperialistischen Kultur hochstilisiert: Konservative und Liberale sprechen von ihr als von der „sozialen Marktwirtschaft“, für sie scheint in diesem Stadium das Ende der Geschichte erreicht zu sein. Sozialdemokraten, soweit sie noch welche sind, ziehen den Begriff „Sozialstaat“ vor, haben aber auch längst aufgegeben, über diesen hinaus zu denken.

Ihr demokratischer Sozialismus bezieht sich nur noch auf den Staat. Das Thema Wirtschaftsdemokratie ist abgehakt. Doch möglich war der historische Kompromiss nur in den fortgeschritten industrialisierten Ländern. In diesen haben die besitzenden Klassen (die nationale Bourgeoisie – meist im Bündnis mit den im historischen Niedergang befindlichen Herrschaften des Feudalsystems) schon ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund ihrer Angst vor einer damals ständig stärker werdenden Arbeiterbewegung neben ihren Sozialistengesetzen gegen „vaterlandslose Gesellen“ erhebliche sozial- und demokratiepolitische Konzessionen gemacht. Dieses Sozialstaatsmodell (in Deutschland von Reichsgründer Bismarck gegen die Sozialdemokraten eingeführt) konnte erst im Kalten Krieg zu der starken moralischen Waffe werden, die die kapitalistischen Demokratien Westeuropas gegen alle bestehenden sozialistischen Staaten und gegen die kapitalismuskritischen oder gar antikapitalistischen Bewegungen im Innern der kapitalistischen Gesellschaften mit durchschlagendem Erfolg einsetzten.

Paradoxerweise versuchte vor allem der deutsche Faschismus sich als, allerdings nationalistischen, Sozialismus zu verkaufen. Der nationalsozialistische Antikapitalismus war ein menschenfeindlicher Rassenkampf, faktisch die Ethnisierung des Klassenkampfs. Der Antijudaismus des Mittelalters wurde biologistisch zum rassistischen Antisemitismus „modernisiert“. Diesem wurden – Stichwort „jüdischer Mammonismus“ – alle Verbrechen, besonders die der Wirtschaft, angelastet. Mit den modernsten Maschinen und Waffensystemen der Neuzeit versuchte der deutsche Faschismus, anknüpfend an die rund 1000 Jahre tragfähig gewesene gottesstaatliche Reichsidee des Mittelalters, das gescheiterte Zweite Reich Kaiser Wilhelms zu überspringen und das Dritte, das Tausendjähriges Reich, als kolonialistische Weltmacht gegen den westlichen Kapitalimperialismus durch Eroberung Europas und seine Ausdehnung bis zum Ural unter deutscher Herrschaft neu zu errichten. Das hieß, die erste und die zweite Aufklärung mussten in ganz Europa gewaltsam rückgängig gemacht werden.

Dieses Dritte 1000jährige Reich dauerte zum Glück nur 12 Jahre. Es konnte durch ein Bündnis der im Ersten Weltkrieg in die Geschichte eingetretenen neuen Weltmächte USA und UdSSR zerschlagen werden. Ob zu Recht oder Unrecht, die liberalkapitalistische Demokratie USA berief sich damals und beruft sich noch immer auf die erste, die stalinistische Diktatur UdSSR auf die zweite Aufklärung, das heißt auf Marx und die Arbeiterbewegung. Durch das Militärbündnis der USA und der Sowjetunion, eigentlich Klassenfeinde, konnte die faschistische Ausgeburt der gegen beide gerichteten Gegenaufklärung gestoppt, nicht aber der Gegensatz beider Systeme aufgehoben werden. Der Faschismus gab vor, das „Deutschtum“ (was immer sich die Nazis darunter vorgestellt haben mochten) vor dem angeblich von Juden erfundenen Liberalismus und dem ebenfalls angeblich von Juden begründeten Kommunismus zu retten. Durch die ungeheuerlichen Verbrechen, die Faschisten auf der einen und Stalinisten auf der anderen Seite begingen, um ihre sich gegenseitig ausschließenden Revolutionen gegen innere Feinde durchzusetzen und gegen äußere Feinde zu schützen, haben die Grenzen der beiden Aufklärungsmodelle, auf die sich beriefen, unübersehbar und unvergesslich aufgezeigt. Nur eine am Mensch, seiner Würde und seinen Menschenrechten orientierte Welt- und Geschichtsdeutung wie die Jean Zieglers vermochte es, mich aus meinen im Kalten Krieg gegen den militanten Antikommunismus der bürgerlichen Mitte entwickelten Argumentationsschemata zu befreien. Dafür bin ich im dankbar.

9. Akkumulation und kriminelle Ökonomie

Erst bei der Lektüre von Zieglers kapitalismuskritischen ethnologischen Studien über archaisches Stammesleben in seinem Buch „Die Lebenden und der Tod“ wurde mir voll bewusst, und er macht dies hoffentlich auch allen anderen Eurozentrikern begreiflich, welche Bedeutung und welches Beharrungsvermögen kollektive Identitäten älterer Gesellschaftsformationen und was diese mit dem Verhältnis der Lebenden zum Tod zu tun haben. Ohne die Jahrhunderte andauernden ungeheuerlichen Verbrechen, die Marx in dem berühmten 24. Kapitel seines Hauptwerks „Das Kapital“ (Bd.1) schildert, das sich am Beispiel Englands mit der „so genannten ursprünglichen Akkumulation“, der räuberischen Bildung von Eigenkapital befasst, wäre die kapitalistisch-industrielle Entwicklung, die diesen verhängnisvollen wissenschaftlich-technischen Vorsprung Europas und der USA ermöglichten, überhaupt nicht denkbar.

Dieser ökonomische Vorsprung, der als Verdienst dem Kapitalismus zugeschrieben wird, wurde in Wirklichkeit durch die Unterstützung des handelskapitalistischen Bürgertums seitens christlicher Oberherrn der Feudalgesellschaften gegen alle geltenden Normen und Werte der christlichen Feudalordnungen ermöglicht. Es war die weitgehend vom städtischen Bürgertum des Spätmittelalters entwickelte seemännisch-logistische und militärische Überlegenheit, die den Feudalherrn die Errichtung der großen Kolonialreiche ermöglichte. Deren Besiedlung und Ausbeutung war nicht nur die ökonomische, sondern auch – vor allem nachvollziehbar durch die Gründung der USA gegen England – die emanzipatorische Grundlage für den modernen, vom Bildungs- und Besitzbürgertum hervorgebrachten, zunächst imperialistischen Industrie-, dann zum globalstrategischen Finanzkapitalismus. Wenn auch nicht linear, war dies der Weg zum weltweiten Sieg der Bourgeoisie und der kapitalistischen Demokratien. Die von dieser Entwicklung bedrohten Völker, dies macht uns Europäern kaum jemand deutlicher als Jean Ziegler, werden unter Zwang zu verzweifelten Verteidigern ihrer Identität und organisieren auch militante, ja terroristische Aktionen der Gegenwehr.

Die räuberische Ausbeutung, die von den jeweiligen Obrigkeiten – oft mit dem Missionsauftrag – legitimiert wurde, ging einher mit der systematischen Zerstörung gewachsener, tief verinnerlichter kollektiver Werte, die die Grundlage kollektiver Identitäten bilden. Wenn sich, wie in unterentwickelten Ländern, der Zerstörungsprozess ganzer Kulturen der durch Kapitalbeschaffung und Kapitalverwertung auch noch überwiegend mit unkontrolliert agierendem Fremdkapital vollzieht, brauen sich nicht nur rationale, sondern auch irrationale Kräfte zu hoch explosiven Widerstandsbewegungen zusammen. Und statt nach Gerechtigkeit schreien die Hungernden erst einmal nach Rache. Zieglers Warnungen an den Westen sind hinreichend bekannt.

Seine Erkenntnisse werden selbst in klugen Faschismustheorien oder auch in Erklärungsversuchen des Stalinismus meist vernachlässigt. Als das Sowjetimperium implodiert war, hat Jean Ziegler (zusammen mit Uriel da Costa – Pseudomym eines französischen Sozialisten) eine Verteidigungsschrift verfasst mit dem mutigen Titel: Marx, wir brauchen Dich! Hier wendet er seine für eine dritte Aufklärung unentbehrliche Kritik auf die kommunistischen Revolutionsführer an. Er wirft ihnen vor, in ihrer Praxis das „Recht auf Leben“ außer Kraft gesetzt, „die Würde des Menschen geleugnet“ zu haben, „indem sie das unveräußerliche Recht eines jeden auf sein individuelles Glück für nichts erachteten.“ Und ich füge hinzu: Die kommunistischen Revolutionsführer haben übersehen, dass auch vergesellschaftete Produktionsmittel ausbeuterisch missbraucht werden können, sie haben dies, wo es geschah, als Muttermal des kapitalistischen Erbes weggeredet.

Ziegler sagt: Indem die Kommunisten die Freiheit der Wahl abschafften, das Bedürfnis nach Transzendenz und damit nach Religion (übrigens gegen Marx) verneinten, ihre Staatschefs sich selbst zu quasi religiösen Kultfiguren machten, haben sie nicht die Befreiung der Arbeiter und Bauern vom kapitalistischen Joch herbeigeführt, sondern bei den Mehrheiten dieser Menschen das falsche Bewusstsein erzeugt, der Kapitalismus mit seiner kannibalischen Weltordnung sei am Ende doch der einzige Weg zu einem menschenwürdigen Leben.

So richtig die Kritik vom Standpunkt eines radikalen Humanisten wie Jean Ziegler ist, und so leicht es ihm fällt, vor allem den jungen Marx gegen den stalinistischen Kommunismus in den Zeugenstand zu rufen, weil dieser Kommunismus ohne jeden Zweifel eine mörderische Entwicklungsdiktatur war, stellt sich mir – dessen Schlüsselerlebnis nicht der afrikanische Kongo, sondern der deutsche Kongo, nämlich Deutschland unter dem Faschismus war – doch die Frage, was aus uns Europäern geworden wäre, wenn Hitlers Armeen in den Weiten Russlands auf einen humanen demokratischen Sozialismus gestoßen wären, diesen platt gemacht und den gesamten Osten, vielleicht auch irgendwann die Schweiz, in sein 1000jähriges Reich einverleibt hätte? Hier habe ich eine etwas andere Sicht auf die historische Rolle der UdSSR als Ziegler.

Natürlich kann niemand die Frage beantworten, was aus uns allen geworden wäre, wenn Hitler seine Ziele erreicht hätte. Aber stellen dürfen wir sie, auch an unseren Freund Jean Ziegler, der mit Recht nicht nur auf die Brutalität des kapitalistischen Ausbeutungssystems, sondern auch auf die unfassbaren Verbrechen derer hinweist, die im Namen von Marx eine nachholende ursprüngliche Kapitalbildung betrieben, die für Millionen von Menschen nichts als eine terroristische Entwicklungsdiktatur war.

10. Die Kritik der kriminellen Ökonomie als Theorie der dritten Aufklärung

Ob nachholende Entwicklung, wer immer sie mit welchen Idealvorstellungen auch betreibt, auf Kosten von Menschenleben gehen darf, hat Jean Ziegler für sich mit einem Nein beantwortet. Als Kind im Nazideutschland geboren, habe ich den Psychoterror der braunen Horden in Schule und Kindergarten und den nächtlichen Hausdurchsuchungen meines des Widerstands verdächtigten Vaters und den schrecklichen Hunger nach Kriegsende durchgestanden.

Überlebt habe ich diesen Hunger durch Kinderarbeit. Daher habe ich die Bombenangriffe in von Todesängsten geschwängerten Luftschutzräumen wie Stalins Armeen meine individuelle Freiheit und mein Glück zu verdanken. Sie haben uns von den bürgerlichen Barbaren des Nazi-Regimes befreit. Deshalb komme ich in der Gesamtbewertung der historischen Bedeutung der kommunistischen Revolutionen zu einem etwas anderen Ergebnis als mein Schweizer Freund Jean. Aber natürlich kann auch ich niemals gutheißen, dass Stalin, Pol Pot, Ceausescu und andere angebliche Marxisten Diktaturen errichteten, die Millionen Menschen in Arbeitslager verbannten und – wenn ich das richtig sehe –mehr Kommunisten als Kapitalisten umbringen ließen.

Jean Ziegler hat denn auch diesen Kommunismus strikt von jenem, den Karl Marx vertrat, getrennt. Er verteidigt Marx vor Lenin, vor allem vor Stalin. Er hebt Marxens Ethik des Widerstands hervor, die es ermöglicht, das Individuum zu befreien, dessen Gesundheit, dessen Leben, dessen individuellen, also nicht von oben verordneten Glauben, dessen individuelles Streben nach Glück vor kapitalistischer Verwertung zu retten. Es sind die nicht marktfähigen Werte, die für Ziegler absoluten Vorrang vor allen theoretisch als noch so richtig erachteten Auffassungen haben.

Ohne Marx kann Ziegler sich diese Befreiung der Menschheit, einen Sieg der Besiegten, nicht vorstellen. Alle Dogmatik, auch die marxistische, ist ihm verhasst. Er sieht in Marx den Propheten des Widerstands, keinen Kirchenvater. Seine Kritik trifft daher die marxistischen Theologen, die den Philosophen Marx nur interpretiert haben, aber nichts oder das Falsche tun, um die Welt zu verändern. Aus Marxens Kritik Handlungsmaximen, Regeln oder gar Befehle abzuleiten, die bei Nichtbefolgung den Tod bedeuten können, wird zu keiner Welt führen, davon bin ich mit Ziegler fest überzeugt, wie sie Marx sich vorgestellt hat. So findet Ziegler im Werk von Marx „keine Spur einer Theorie von Planwirtschaft und ebenso wenig von einer Staatstheorie“. (Marx, S.51) Marx ist deshalb auch nicht „überholt“. Wir brauchen ihn. Wenn Marxkritiker ihn und den Marxismus glauben totsagen zu müssen, nur weil politisch-ökonomische Systeme, deren Herrscher sich auf Marx beriefen, untergegangen sind, haben sie ihn nicht verstanden.

Marx ist für ihn ein Aufklärer und visionärer Revolutionär. Aber ihm anzulasten, was viele sich auf Marx berufende Revolutionäre, nachdem Marx schon lange Tod war, an Fehlern und Verbrechen begingen, ist aus seiner Sicht ebenso unsinnig wie die Behauptung, die Kreuzzüge und die spanische Inquisition seien aus dem Evangelium entstanden“ (Marx. S.13), die kirchliche Schreckensherrschaft „sei die gewollte Konkretisierung der christlichen Lehre“ oder das zur „sozialen Praxis gewordene Wort Gottes“. Zieglers Werk inspirierte mich zu dem Vorschlag, den beiden Aufklärungen, der bürgerlichen und der marxistischen, deren Grenze inzwischen erkannt sind, die wir aber – schon wegen der Ungleichzeitigkeit objektiver und subjektiver Entwicklungen – nicht als überholt behandeln sollten, eine offene Theorie der Kritik der kriminellen Ökonomie zu formulieren, für die sein Gesamtwerk das empirische Material und das moralische Rüstzeug liefert.

Ich denke, dass uns „Weltverbesserern“ ein riesiger Sprung nach vor gelingen würde, wenn sie Jean Ziegler darin folgen würden, die Vernunftkritik Kants, die Kritik der politischen Ökonomie von Marx und seine Kritik des Hungers in der Welt zu einem qualitativ neuen, einem wirklich weltbürgerlichen Aufklärungskonzept zu amalgamieren. Wesentlicher Bestandteil dieser dritten Aufklärung muss die Kritik unserer als „westlich“ bezeichneten, aber längst vom Osten, auch vom (noch) kommunistisch regierten China praktizierten ausbeuterischen Globalisierungspolitik sein. Denn mit den tödlichen neoliberalen Rezepten der Privatisierung, der Deregulierung, der Entpolitisierung und Entdemokratisierung haben die großen Übel der poststalinistischen Epoche ihre Gipfel erreicht.

Es kann, allein wenn man die Ökologiefrage aufwirft, kaum schlimmer werden. Diese Übel können eigentlich nur noch durch einen Umsturz der bestehenden Machtverhältnisse beseitigt werden. Für die dazu notwendige dritte Aufklärung hat Ziegler mir die zentralen Argumente geliefert. Sie haben in meiner Kritik der kriminellen Ökonomie ihren festen Platz. Zieglers sprachmächtige Anklagen werden entscheidend dazu führen, dass der Welthunger besiegt wird. Aber auch, dass die historischen Errungenschaften der beiden großen europäischen, inzwischen weltweit wirksam werdenden Aufklärungsbewegungen nicht von den ungebändigten Kapitalstrategen verwirtschaftet werden.

Schlußbemerkungen

Zum Schluß kann ich es mir doch nicht verkneifen, noch etwas zu der ungehaltenen Salzburger Rede zu sagen. Wir wissen, dass Jean Ziegler 2011 eingeladen worden war, die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen zu halten, dass er wieder ausgeladen wurde und unser frisch gebackener Bundespräsident Gauck es offensichtlich ganz in Ordnung fand, dass er nun anstelle Jean Zieglers eine Rede halten sollte. Ich will hier über diese Reden, die man nachlesen kann, ja sollte, nichts sagen. Aber zwei Gedanken zu dem ganzen Vorgang möchte ich dazu äußern.

Erstens, es hätte Jean Ziegler gar nichts Besseres passieren können als diese Ausladung. Denn nicht nur, dass diese Rede auf diese Weise eine Aufmerksamkeit und Verbreitung fand, die sie nie ohne diese Bankrotterklärung unserer Kulturszene erreicht hätte.

Und zweitens: Jetzt gibt es einen direkten Vergleich zwischen dem aufklärerischen Geist, den sich die Repräsentanten der kapitalistischen Demokratien noch glauben leisten zu können und dem Repräsentanten der Opfer der von Ziegler als kannibalische Weltordnung bezeichneten Welt des Freihandels, eines Totenreichs, wie es sich zum Beispiel das Bildungs- und Besitzbürgertum im Salzburger „Jedermann“ immer wieder gerührt vor Augen führen lässt.

Ich hatte, als ich hörte, dass Joachim Gauck einspringen würde, eine Vision. Es käme ihm der Gedanke, dass er den von einem seiner Vorgänger geforderten Ruck durch Deutschland provozieren könnte. Dazu hätte er allerdings seinen Freiheitsbegriff nach dem Ende der DDR auf den neuesten Stand bringen, also Jean Ziegler lesen müssen. Dann hätte er nämlich Zieglers Rede über den Aufstand des Gewissens aus der Tasche gezogen und sie – mit einer Vorbemerkung über seinen neuen, an Zieglers revolutionärer, praxisbezogener Sozialethik entwickelten Freiheits- und Menschenrechtsbegriff – den großen Tieren im Kunstbetrieb vorgelesen. Vielleicht hätten die feinen Leute den Unterschied zwischen der Rettung der kapitalistischen Freiheit, die Gauck als seine Lebensaufgabe sieht, und die Rettung von Leben vor dem durch die kapitalistische Freiheit verursachten Hungertod, die Du, lieber Jean, als den todüberwindenden Sinn des Lebens betrachtest, erkannt und daraus die notwendigen Schlüsse gezogen. Ich hoffe, wir hier verstehen Dich und ziehen die richtigen Schlüsse. Ich folge Dir weiterhin in Deinem Entschluss, nie mehr – auch nicht zufällig – auf der Seite der Henker zu stehen.

Lieber Jean, ich gratuliere Dir ganz herzlich zu diesem Preis, ich danke Dir für Deine Freundschaft und ich wünsche Dir, dass Dir demnächst auch noch der Friedensnobelpreis zugesprochen wird.

 

 

 

 

H.J. Krysmanski Das Imperium der Milliardäre

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Jun 062013
 

Rezension

Hans See
über
Hans Jürgen Krysmanski
0,1 Prozent – Das Imperium der Milliardäre
Westend Verlag
Frankfurt 2012
288 Seiten
19,99 €

Ausgangspunkt
Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich kapitalismuskritische Bücher vor allem (wenn auch nicht nur) unter dem Aspekt rezensiere, ob – und wenn ja, wie? – ihre Autoren die Verbrechen der Wirtschaft bzw. Wirtschaftsbosse (Unternehmer, Anteilseigner, Manager, Aufsichtsratsmitglieder etc.) berücksichtigen. Hans Jürgen Krysmanskis neuestes Werk interessierte mich besonders, weil ich dachte, es sei eines über Milliardäre. Das war mein Ausgangspunkt. Ist es ja irgendwie auch, aber auch wieder nicht. Und da ich dieses Buch dennoch jedem empfehle, der sich für den Imperialismus der Superreichen interessiert, ist diese Rezension etwas länger als üblich ausgefallen. Krysmanskis Buch bietet die beste Gelegenheit, einige Grundsatzfragen zumindest anzudiskutieren, die er durch zahlreiche eigene Hinweise und Zitate aufwirft, aber nicht weiter verfolgt.

Die Frage, wie derart unfassbare Reichtümer in so wenige private Hände geraten konnten, wird in den meisten deutschsprachigen Büchern über Reiche nicht mehr thematisiert. Auch Krysmanski hält sich vornehm zurück. Hier muss man entweder auf das 24. Kapitel des Marx’schen Hauptwerks Das Kapital (Bd.1) zurückgreifen, in dem die „so genannte ursprüngliche Akkumulation“ des Kapitals in England als eine gigantische blutige Räuberei geschildert wird, oder man kramt vergessene, nur noch als Titel in Erinnerung gebliebene Bücher wie Steward H. Holbrooks 1954 in deutscher Sprache erschienenes Werk „Die Cäsaren der Wirtschaft“ (München) hervor. obgleich es viele auch aktuelle englischsprachige Bücher über die Verbrechen der Wirtschaft gibt.

In seinem 2012 erschienenen Buch hat der renommierte marxistische Soziologe Hans Jürgen Krysmanski, ausgewiesener Klassenanalytiker, Macht-, Elite-, Konflikt- und Friedensforscher die winzige Minderheit von „0,1 Prozent“ der Superreichen zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung erhoben. Er setzt damit seine früheren Forschungsarbeiten fort, spitzt sie aber auf die „oberen Zehntausend“, wie man sie im analogen Zeitalter noch nannte – zu. Jedenfalls knüpft er mit diesem Buch thematisch an seine 2010 erstmals, inzwischen in 4. Auflage erschienenen „Geschichte der amerikanischen Reichtumsforschung“ an. Der damalige Titel: „Hirten und Wölfe – Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen“. Nach wie vor sehr lesenswert.

Wer erwartet, in diesem neuen Buch mehr über Bill Gates, Warren Buffet und anderer Pop-Stars unter den Megareichen zu erfahren als SPIEGEL, STERN oder FORBES-Magazin verraten, wird enttäuscht. Es geht Krysmanski nämlich nicht wirklich um die Milliardäre, sondern – wie ja auch der Untertitel klar ansagt – um das „Imperium der Milliardäre“. Man ahnt natürlich, dass dieses Imperium nicht ein klar umrissenes, irgendwo und irgendwie von anderen vergleichbaren Imperien (sagen wir der Nichtregierungsorganisationen – Jean Ziegler nennt sie „die Widersacher“ der neuen Herrscher der Welt – ) abgrenzbares Machtgebilde handeln kann, sondern um ein soziologisches Konstrukt. Obgleich für platte Empirie ein Schattenreich, handelt es sich bei diesem parzellierten Imperium, wie Krysmanski zeigt, durchaus um handfeste, auch differenzierten empirischen Studien zugängliche Eigentumsverhältnisse.

Richistan ist überall
Der materielle Reichtum dieser Superreichen liegt nicht auf Sparkassen, Volksbanken und in Schatztruhen herum. Er besteht aus einklagbaren Rechtstiteln auf Grund und Boden, Grundstücke und Urwälder, Plantagen, realwirtschaftliche Produktionsstätten, Banken, Versicherungen, Hedgefonds, Krankenhausgesellschaften, Kurbetriebe, Reisegesellschaften, Luftflotten, Schiffsflotten, Eisenbahngesellschaften, Autobahnen, Kommunikations- und Medienimperien und sonstigen – auch in Steueroasen angelegten – Vermögenswerten. Zumindest hohen Anteilen daran – und dies weltweit gestreut. Darüber hinaus aber auch aus Kunstsammlungen, Fußballvereinen und anderen lukrativen Werbeträgern. Kurz: Diesen Reichen und Superreichen gehören entscheidende Anteile der gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsmittel unseres blauen Planten. Wenn wundert es also, dass sogar einzelne Clans ganze Staaten und Verfassungssysteme zum Einsturz oder zum Aufstieg verhelfen können?

Dazu kommt, dass die als Neoliberalismus bezeichnete Antikrisenpolitik in Form der systematischen Privatisierung öffentlicher Güter von den Kapitalstrategen weltweit vorangetrieben wird. Zur Verwaltung dieser Imperien sind den Superreichen Heerscharen von Managern, Prokuristen, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Rechtsanwälte, Forscher, Steuerberater, Berater, Ghostwriter, Werkschützer, Leibwächter, Bereitschaften und andere Lakaien zu Diensten. Notfalls die staatliche Polizeimaschine und – in letzter Instanz – auch Streitkräfte. Denn die Unternehmen, Villen, Fuhrparks, Yachten und die zum Erhalt und zum Ausbau ihrer Macht und Herrschaft notwendige Infrastruktur, dazu als höchste Rechtsgüter „Ordnung“ und „Sicherheit“, erfordern eine quasi-hörige Dienstklasse, eine Art Klerus der neoliberalen Weltanschauung.

Nach klassischem bürgerlichem Verständnis verbürgen nach wie vor die Nationalstaaten „Ordnung und Sicherheit“, „Law and Order“. Insbesondere sind sie letztinstanzliche Garanten des Rechts auf Eigentum und unternehmerischer Betätigungsfreiheit. Aber die Informations- und Wissenssysteme, die das Eigentumsrecht durch institutionalisierte und staatlich garantierte Rechtssicherheit und Vertragstransparenz im Namen einer als repräsentativ ausgegebenen Demokratie – die in Wirklichkeit eine neofeudale Plutokratie ist – garantieren, sind spätestens mit dem Ende der Ost-West-Systemkonkurrenz in beiden Machtsphären der Nachkriegsgeschichte zerfallen. Sie befinden sich seitdem in einen als Globalisierung umschriebenen, aber nach wie vor als Fortsetzung des alten Imperialismus betriebenen Transformationsprozess unter neuen Rahmenbedingungen. Der Umstrukturierungsprozess steht im Zeichen neuer wissenschaftlich-technischer (weiterhin auch militärischer) und sozialpsychologischer Mittel, die in erster Linie den neuesten Digitaltechniken zu verdanken sind.

Aber die Nationalstaaten verschwanden nicht, wovon auch Krysmanski – sich auf den peruanischen Ökonomen Hernando de Soto berufend – erst einmal ausgeht. Doch dann denkt er über diese Annahme hinaus, indem er den bis dahin gültigen Wissensbegriff weiter fasst als den, der den jeweiligen Systemgegnern des Kalten Krieges genügte. Denn wenn der Kapitalismus nun endgültig, bei aller Vielfalt seiner Ausprägungen und Unterschiedlichkeit auf den Entwicklungsstufen seiner Elemente (Arbeiterklasse, Klassenbewusstsein, Organisationsgrad, religiöse und sonstige kulturelle Überformungen, Wahl- und Regierungssysteme) sich als globale Ökonomie durchgesetzt hat, geht es um das „richtige“ Verständnis des neu entstandenen oder noch im Entstehen begriffenen Weltsystems, der neuen – noch zu schaffenden – Weltordnung.

Hier wäre interessant gewesen, was Krysmanski zur zentralen These des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher (ich werde eine Rezension seines Buches „EGO – Das Spiel des Lebens“ in der nächsten BIG-Ausgabe veröffentlichen) gesagt hätte, die er – weil das Buch später erschien – noch nicht kennen konnte. Schirrmacher geht nämlich davon aus, dass es die spieltheoretischen Modelle des Kalten Krieges sind, die maßgeblich zum Sieg des Kapitalismus über den Staatssozialismus beitrugen und – dies sein entscheidender Gedanke – nach Ende des Ost-West-Konflikts vor allem von den Hedgefonds benutzt und genutzt werden, eine Art kalten (Finanz-) Wirtschaftskrieg gegen den guten alten Kapitalismus zu führen.

Krysmanski sagt, dass „auch die unspektakulärste Expropriation der Epropriateure…nur möglich (ist) durch die Aneignung aller Daten über den Gang der Dinge und Verhältnisse in der Welt.“(S.256f.) Theoretisch – ja partiell auch praktisch – sind demnach alle wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und Ressourcen für eine auf die „Totalität der Probleme“ und „der Problemlösungen“ ausgerichtete globalwirtschaftliche Planung vorhanden, aber die erforderliche „Interkonnektivität“ (also das notwendige Maß der Vernetzung) ist aus Krysmanskis Sicht – „wegen Profitkonkurrenz“ (S.260) – nicht gegeben. Vielmehr tobt derzeit ein Kampf um die Kontrolle über die Netze. Hier wäre ein systematischer Ansatzpunkt, die Rolle des nationalen Rechts (auch des Wirtschaftsstrafrechts) und der Verbindlichkeit internationaler Abmachungen (Verträge etc.) bei der Entwicklung des neuen Reichtums zu untersuchen.

In diesem Kampf um Netze und Informationsmonopole spielen die Nationalstaaten noch immer eine zentrale Rolle. Aber sie werden, wo deren Regierungen ihre Kontrollmacht dazu „missbrauchen“, Regulierung im Sinne sozialstaatlicher Umverteilungspolitik (man denke an den Kampf gegen den grenzüberschreitenden Steuerbetrug) durchzusetzen, auch gegeneinander ausgespielt. (S.118) Wir wissen nicht, über wie viele nationale Identitäten (Personalausweise) jeder Einzelne dieser megareichen Minderheit verfügt. Aber was Krysmanski über die Verteilung und Bewegung der Milliardäre „im Raum“, „dem Planeten als Ganzes“ und an Reaktionen auf nationalstaatliche Politiken herausgefunden hat, verweist unübersehbar – vom Standpunkt sozialstaatlich-demokratischer Verteilungspolitik aus gesehen – auf den reaktionären Charakter des Imperiums der Milliardäre, mögen einzelne caritative oder politische Aktivitäten auch noch so progressive Züge zeigen.

In Zeiten des Umbruchs, in denen kapitalismuskritische Friedens- und Demokratiebewegungen trotz – oder wegen – des überwältigenden Einflusses der Reichen und Superreichen auf Parteien, Medien, Gesellschaft weltweit Widerstand organisieren und dort, wo einigermaßen freie Wahlen garantiert sind, jederzeit „falsche Mehrheiten“ zustande kommen, also völlig legal radikale Gegner dieser Reichen an die Schalthebel der Macht gelangen können, sind diesen „Vermögenden“ die „Staatsgarantien“ nicht mehr zuverlässig genug. Das erklärt den globalen Ausbau der Überwachsungssysteme und den damit einhergehenden, die Spekulanten beflügelnden Aufschwung der Sicherheitsindustrie. Andererseits hat die „Demokratisierung“ des Internet, dem viele Superreiche ihren Reichtum verdanken, auch zur Stärkung ihrer Widersacher geführt, hat Bewegungen wie Attac, Weltsozialforen und Occupy hervorgebracht, deren Veränderungspotentiale von Kapitalismuskritikern oft weit überschätzt werden und Enttäuschungen hervorrufen.

Wie viel Veränderung Krysmanski diesen oppositionellen Strömungen zutraut, ob sie zu einer ernst zu nehmenden revolutionären Gegenmacht werden könnten, lässt er klugerweise offen. Er versucht jedoch die Frage zu beantworten, was denn diese winzige, aber mächtige Minderheit der Superreichen mit ihrem einmal aufgehäuften Vermögen eigentlich macht. Hier bietet er den oppositionellen Strömungen interessante Übersichten über Zusammenhänge und Einblicke, die sie durchaus radikalisieren könnten. Zwar versucht er – wie andere Reichtumsforscher – auch die Größenordnungen dieser Vermögen zu erfassen. Aber von der üblichen Reichenkritik an zu hohen Gehältern, Boni und Renditen macht er kaum eigenen Gebrauch. Auch die „Gier“ wird von ihm – der halt ein guter marxistischer Soziologe ist – nicht wirklich bemüht.

Ebenso lässt er die immer wieder laut werdenden Argumente, dass diese Leute ihr Geld doch in Kapital verwandeln, also in Arbeitsplätze investieren, dass sie Kultur- und Wissenschaftsstiftungen, Think Tanks gründen, Wohlfahrtsveranstaltungen finanzieren und auch ansonsten allerlei Gutes tun, weitgehend außen vor oder zeigt, dass auch diese Aktivitäten der Ausübung und Sicherung von Macht und Herrschaft dienen. Dass Milliardäre das Kapital überwinden, wird zwar von ihm angedacht, aber nicht ernsthaft geglaubt oder vertreten. Mehrfach hebt Krysmanski nämlich hervor, dass diese Minderheit derart abgehoben herrscht, dass sie – anders als die übrigen Reichen – selbst bei schwersten Krisen ruhig schlafen kann. Denn ihre Vermögen sind in einer Breite gestreut und in einer Tiefe abgesichert, dass sie letztendlich nichts zu verlieren und auch sonst nichts zu befürchten hat, es sei denn, der Planet explodiert.

Das Buch handelt also durchaus konkret von den – wie sie früher genannt wurden – „oberen Zehntausend“, also von „denen da oben“. Doch wird es nur an wenigen Stellen – so über den russischen Oligarchen Jewtuschenkow – persönlich (S.150ff). Ansonsten bilden die Superreichen – so undefinierbar sie auch sind – dennoch eher eine soziologische Größe. Auch Bill Gates, George Soros und all jene, die man zu kennen glaubt, weil sie in der Öffentlichkeit immer wieder erwähnt oder zitiert werden, sind nicht wirklich Thema. Das Buch handelt nicht einmal von einzelnen Wirtschaftsimperien wie Microsoft, EADS, AIG, Sistema, die Bechtel Corporation, General Motors, Großbanken, Versicherungen, Hedgefonds, Siemens und Konsorten, deren Namen irgendwo in Listen zu finden sind. Gegenstand sind „einzig und allein die Superreichen“, ein diffuses Kollektiv, das sich von den Reichen durch ihre totale Privatheit unterscheidet und aus „dieser dunklen Zone heraus“, die „Imperium der Milliardäre“ genannt wird, ihre „unkontrollierte Macht“ (trotz wachsenden Widerstands noch immer) weithin ungestört ausüben kann.

Diese dunkle Zone kann natürlich nur indirekt, eher durch soziologische Imagination als mit den üblichen Zähl-, Meß- und Gewichtungstechniken empirischer Sozialforschung erschlossen werden. In Anlehnung an Robert Franks gleichnamiges Buch über die Megareichen nennt Krysmanski deshalb dieses Imperium auch „Richistan“.

Richistan und seine Räuber
Krysmanski versichert uns und belegt es auch: „Richistan. Dieses Schattenreich der Milliardäre ist kein Mysterium“(S.83) Aber er gesteht freimütig, dass es „vieles“ gibt, „was wir darüber noch nicht wissen“. Und da sich, wie er bedauert, „die Sozialwissenschaftler über die hier anzuwendenden Theorien und Forschungsmethoden nicht einig“ sind, gestattet er sich „eine experimentierende, tastende und spielerische Annäherung an dieses Phänomen“. Er verrät aber auch, dass es noch einen weiteren Grund gibt, seine Kritik nicht mit dem Gestus eines Revolutionärs vorzutragen. Ihm sei schon bei Annäherung an das Thema klar geworden, sagt er, welche „Selbstverteidigungsenergien in diesem Macht- und Herrschaftssystem stecken“, die er angesichts einiger konkreter Zahlen in Blogs und Foren zu spüren bekommen habe. Das Buch – so spannend, informativ und konkret es über weite Teile auch ist – bleibt daher insgesamt doch wissenschaftlich abstrakt.

Zwar sagt der Autor unmissverständlich, dass man angesichts der Folgen der neoliberalen Globalisierung nicht mehr „um eine klare, brutale Fassung des Themas Macht und Herrschaft herumkommen“ wird, aber die im Text immer wieder fallenden Namen von Milliardären und Konzernen, Think Tanks und anderen Institutionen, die im Dienst der Superreichen stehen, bekannte wie unbekannte, werden nicht – schon gar nicht „brutal“ – mit den doch einen ganz wesentlichen Teil der Geschichte des Kapitalismus ausmachenden Wirtschaftsverbrechen in Verbindung gebracht. Nicht einmal indirekt. Krysmanski liefert eingangs eine Liste jener Kapital-Titanen des späten 19. und 20. Jahrhunderts, denen es gelang, unter Missachtung aller humanistischen und demokratischen Errungenschaften, auch der bürgerlichen Verfassungsnormen und der Einzelgesetze, gigantische Wirtschaftsimperien aufzubauen. Und die meisten dieser Namen stehen bis heute für den verwirklichten amerikanischen Traum, der dem Tellerwäscher suggeriert: Auch Du kannst Milliardär werden.

Wer aber – wie ich – schon 1954 das in Deutschland erschienene Buch von Steward H. Holbrook „Cäsaren der Wirtschaft – Die Entstehung der amerikanischen Gelddynastien“ gelesen hat, wird überrascht feststellen, dass Krysmanski – wenn er schon darauf verzichtet, die mörderische Entstehung der amerikanischen Kapitalgesellschaften selbst nachzuerzählen – nicht wenigstens auf dieses frühe Standardwerk über die neuen Superreichen, die die USA zu jener Weltmacht werden ließen, die sie zumindest militärisch noch immer ist, verweist. Holbrook hat in diesem Buch die Ambivalenz von Wirtschaftsverbrechen in einer Weise analysiert, die eigentlich kein Reichtumsforscher nach ihm ignorieren kann.

Holbrook hätte Krysmanskis mehrfachen Hinweisen auf räuberische Ausbeutungspraktiken auf jeden Fall empirische Rückendeckung geben können. Darüber hinaus hätte es die Möglichkeit geboten, den historischen Veränderungsprozess zwischen 1954 und 2012 – den Krysmanski durchaus ernst nimmt – zu konkretisieren. Denn in Holbrooks Buch – das aus dem analogen Zeitalter stammt – haben die Tycoons noch ein Gesicht, eine Lebensgeschichte. Sie haben Ehefrauen, Geliebte und Kinder, Freunde und Feinde. Das Buch ist mit Potraitsfotografien sowie Fotos von Wohnpalästen (Außen- und Innenansichten und Bankhäusern, ja sogar mit Bildern Streikender und mit boshaften Karikaturen über die Superreichen) ausgestattet.

Holbrook zeigt auch deren allseits bewunderte Leistungen. Aber er schreckt nicht vor wirklich „brutalen“ Äußerungen zurück: „Noch die besten von ihnen“, schreibt er einleitend, „arbeiteten bis etwa 1900 mit Methoden, vor denen heute (Anfang der 1950er Jahre, also mitten in der McCarthy-Ära – HS) auch der gewissenloseste Manager zurückschrecken würde, während damals die Amerikaner für solche Manöver keinen härteren Ausdruck hatten als ‚smart’.“ Noch brutaler: „Und überhaupt hätte wohl gegenwärtig fast jeder unserer Helden bei gerichtlicher Würdigung seiner Unternehmungen gut und gerne hundert Jahre Gefängnis zu erwarten.“(S.8f) Und darüber hinaus: Fünfzehn Jahre nach Holbrooks Buch (dessen deutsche Ausgabe den amerikanischen Pioniergeist in das niedergeworfene Deutschland exportieren sollte), im Jahr der ausklingenden Studentenrevolte 1969 und der beginnenden Reformpolitik der Regierung Brandt / Scheel, erschien in der BRD das Buch „Die Reichen und die Superreichen – Macht und Allmacht des Geldes“ von Ferdinand Lundberg.

Lundberg hatte schon 1937 ein Buch über Amerikas 60 reichsten Familien (America’s sixty Families) verfasst, dass starken Einfluss auf die US-Sozialpolitik ausübte. Diese wird in Deutschland unter „New Deal” abgehakt. Das Buch beginnt wie folgt: “The United States of America is owned and controlled by a hierarchy that at its core consists of the 60 richest families of the country, to which at most 90 families of somewhat lesser wealth may be included. These families are the center of the modern industrial oligarchy that controls the United States. They function discretely under a de jure democratic form of government, behind which a de facto government of abolutistic and plutocratic nature has existed since the Civil War.” Ein Standardwerk, das nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg vom Nazi-Chef der Deutschen Arbeitsfront, Robert Lay, für seine antisemitische Propaganda (nach der die reichen Juden der USA den Zweiten Weltkrieg angezettelt haben) missbraucht und wahrscheinlich deshalb nach 1945 in Deutschland keine Chance hatte, wenigstens zur Kenntnis genommen zu werden.

Doch Lundberg, ein Holbrook auf höherer Stufenleiter, wird von Krysmanski zitiert. Leider nicht, um dessen Erklärung der Dialektik von „Reichtum und Kriminalität“ zu reflektieren oder zu rezipieren, sondern um Reichtum und Superreichtum voneinander abzugrenzen (S12). Dass er das Dritte Kapitel des Lundberg-Buches unerwähnt lässt, in dem dieser – eine seltene wissenschaftliche Heldentat – den Zusammenhang von „Kriminalität und Reichtum“ thematisiert, hat mich doch sehr überrascht. Lundberg hat nämlich mit seinem Buch über die 60 reichsten Familien der USA auch die Weichen für den Durchbruch einer damals revolutionären Kriminalsoziologie gestellt, mit der der Beginn einer seriösen kapitalismus- bzw. konzernkritischen Wirtschaftskriminologie datiert. Sie wird in Lundbergs von Krysmanski erwähnten Buch – im Kontext der Konzernkritik der späten 60er Jahre – mit Bezug auf den berühmten Wirtschaftskriminologen und Kriminalsoziologen Edwin H. Sutherland ausführlich referiert. Und da Lundberg mit Sutherlands Forschungsergebnissen die Rolle der Kriminalität der Konzerne besonders hervorhebt. ist nicht nachvollziehbar, weshalb Krysmanski, der ja die Konzernpolitik genau beobachtet, diesen Ansatz völlig ignoriert.

Diese Ausblendung ist umso unverständlicher, als Krysmanski sehr wohl weiß, sogar in seinem Buch immer wieder andeutet, dass es auch heute „Mafiamilliardäre“ gibt und dass „Raub“ (S.59) nicht nur in der von Marx beschriebenen Periode der englischen „so genannten ursprünglichen Akkumulation“ (Marx) vorkam, sondern weltweit allgegenwärtig ist. Da der Gesetzesbruch im Wirtschaftsleben nicht nur eine der Grundformen der Kapitalbeschaffung, von Start- und Aufstockungskapital ist, sondern auch im gesamten Verwertungsprozess von der Rohstoff- und Energieversorgung über alle Produktionsstufen bis zum kriminellen Recycling und der kriminellen Entsorgung von Abfallstoffen (Marx spricht von Exkrementen) ein durch keine andere wirtschaftliche Leistung kompensierbarer Wettbewerbsvorteil ist, wäre wenigstens eine Erklärung zu erwarten gewesen, weshalb (insbesondere sich als marxistisch verstehende) Kapitalismuskritik glaubt, der theoretischen Auseinandersetzung mit der kriminellen Seite der Ökonomie aus dem Wege gehen zu dürfen.

Lundberg geht in diesem Punkt sogar weiter als Holbrook. Denn er wagt es, seine Leserinnen und Leser in die Theorie des Kriminalsoziologen und Wirtschaftskriminologen Sutherland (1883-1950) einzuführen, dessen Standardwerk „White Collar Crime“ in der McCarthy-Ära in den USA nur gekürzt erscheinen durfte, erstmals 1983 ungekürzt erschien, aber bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Auch Krysmanski – obgleich er in fast jedem Abschnitt seines Buches dazu einschlägige Andeutungen macht oder zitiert – thematisiert die kriminalisierte Seite der Ökonomie nicht. Er untersucht nicht, welche Bedeutung dem kriminell beschafften, verwerteten und abgesicherten Kapital in einer im rechtsstaatlichen, sozialstaatlich-demokratischen Gewand auftretenden Wirtschaftsweise zukommt. Auch nicht ob, und wenn ja, wie Wirtschaftsverbrechen und Wirtschaftskrisen zusammenhängen. Allenfalls wird auf die Wechselwirkung von Wirtschafts- und Demokratiekrisen hingewiesen.

Wie die meisten namhaften marxistischen Sozialwissenschaftler hat auch Krysmanski offensichtlich ein Problem damit, dass die Kritik der politischen Ökonomie des Marxismus bis heute in der von Marx entwickelten Systematik keinen Ort für die räuberische, die kriminalisierte, Seite der Ausbeutung, gefunden hat. Dabei wird doch erfahrungsgemäß jegliche Form der sozialstaatlichen Wirtschaftsregulierung vom New Deal und der „sozialen Marktwirtschaft“ bis hin zur rigiden kommunistischen Planwirtschaft (die als Stufen der Regulierung zu verstehen sind und klassenpolitische Auseinandersetzung mit der Rolle der Gesetzgebung und der Rechtsprechung unausweichlich machen), von den Ideologen des Neoliberalismus als Hauptgrund für die Entstehung von Wirtschaftskriminalität genannt. Wirtschaftsverbrechen (einschließlich Steuerkriminalität) werden als Freiheitskämpfe hochstilisiert und gegen den „Steuerverschwender“ Staat moralisiert.

Schon Marx und Engels haben der Steuerungskapazität staatlicher Gesetze und ihrer Wirkung auf die Moral- und Marktgesetze nicht die notwendige Beachtung geschenkt, haben sie meist in Vorworte und Anmerkungen verbannt. Marx hat Leserinnen und Leser des „Kapital“ mehrfach auf spätere Ausführungen vertröstet, zu denen aber seine Lebenszeit zu kurz gewesen ist. So hat er sich auf das „Naturwüchsige“ im Kapitalismus der kapitalistischen Wirtschaftsweise konzentriert, um es so deutlich wie möglich herausarbeiten und seiner fundamentalen Kritik unterziehen zu können. Nimmt man die Kapitalismuskritik so, wie sie sich in den Köpfen der Theoretiker der Arbeiterbewegung verfestigt hat, ist es durchaus richtig, dass der Kapitalismus auch ohne Wirtschaftskriminelle eine Gefahr für den Sozialstaat, ja selbst für die kapitalistischen Demokratien ist. Daher glauben ja so viele Linke, das Problem der kriminellen Ökonomie sei eines des Systems und des Systemerhalts.

Doch Krysmanski, und daher betrachte ich ihn – trotz der hier kritisierten Theoriedefizite – als einen Verbündeten, geht einen Schritt weiter, obgleich er daraus (noch?) nicht die notwendigen Konsequenzen zieht, wenn er schreibt: „Die Davos-Klasse ist trotz der guten Manieren und Maßanzüge ihrer Mitglieder räuberisch.“(S. 101) Dass er nirgends auch nur andeutet, der ganze Kapitalismus sei kriminell, daher erübrige sich dieses Thema, macht mir Hoffnung. Was mich jedoch überrascht hat, dass er glaubt betonen zu müssen, längst nicht alle der so genannten Offshore-Vermögen seien mit „illegaler Steuerhinterziehung“ (S.82) zu erklären.

Natürlich nicht: Schon vor fast zwei Jahrzehnten haben Banken, sogar die öffentlich-rechtliche Helaba, in Zeitungs-Anzeigen den Reichen ihre Hilfe angeboten, ihr Geld „legal“ (und dennoch am Fiskus vorbei) in die Schweiz, nach Liechtenstein oder in andere Offshore-Zentren zu schaffen. Und in diesem – wenn man von der hier hervorgehobenen Schwachstelle und einigen anderen absieht – äußerst lehrreichen, anregenden und auch für die Diskussion des Problems der kriminellen Ökonomie sehr wichtigen Buch – finden sich ja genügend Hinweise, wie dieses „Imperium der Milliardäre“ die öffentliche Meinung, die Wissenschaften, Medien, Parteien, Wahlen, Gesetzgebung und Rechtsprechung, Regierungen, ja auch die gesamte Staatsbürokratie einschließlich der Justiz. beeinflussen. Dieses Problem ist aus meiner Sicht der harte und wahre Kern des Buches.

Krysmanski zeigt, auch ohne es ausdrücklich zu thematisieren, dass, wer über eine derart imperiale Privatmacht wie die Superreichen verfügt, theoretisch und praktisch gar keine Verbrechen begehen muss. Ein Superreicher hat die Freiheit, die Superspezialisten ganzer Anwaltskanzleien, die Think Tanks, ehrgeizige Universitätsprofessoren, die engen Connections zur Politik, zur Staatsbürokratie als Teile seiner bereicherungspolitischen Projektplanung einzusetzen und die möglicherweise sozial- und umweltschädlichen Praktiken zu umgehen oder vorher legalisieren zu lassen. Viele Verbrechen finden daher heute auf gesetzlicher Grundlage oder im rechtsfreien Raum statt. Diese fast schon zur Binsenweisheit heruntergekommene Erkenntnis wäre allein schon Grund genug, sich als Linker, zumal als marxistischer Sozialwissenschaftler, mit der kriminellen Ökonomie, das heißt den Verbrechen des BIG Business zu befassen. Und sei es nur, um herauszufinden, mit welchen Methoden heute Gesetze für Reiche und Superreiche gemacht, abgeschafft (dereguliert) oder von höchsten Gerichten zugunsten der großen Bereicherungspraktiker ausgelegt werden. Wer dies für überflüssig hält, kann auch alle übrigen Versuche, eine bessere Welt zu schaffen oder die „Schöpfung“ zu bewahren, unterlassen.


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